Der Beitrag des Gesundheitssystems zu gesundheitlicher Ungleichheit: Ein internationaler Vergleich von Leistungsinanspruchnahme und gesundheitsbezogener Lebensqualität älterer Menschen
Unterschiede im Gesundheitszustand zwischen sozioökonomischen Gruppen stellen eine dauerhafte Form der sozialen Stratifizierung in allen Gesellschaften dar. Da Gesundheit eine zentrale Ressource für die individuelle Lebensqualität darstellt, hat die Erklärung gesundheitlicher Ungleichheit in den letzten Jahren zunehmend Aufmerksamkeit erfahren. Die theoretischen Erklärungsmodelle beziehen sowohl individuelle Determinanten wie Lebensstil oder Stress-level als auch gesellschaftliche Einflussfaktoren wie den Grad der Einkommensungleichheit mit ein. Der Einfluss des Gesundheitssystems für die Entstehung gesundheitlicher Ungleichheit wird dabei häufig eine untergeordnete Bedeutung zugewiesen, da die Entstehung von Krankheiten im Wesentlichen von Faktoren außerhalb des Gesundheitssystems beeinflusst wird. Dabei wird jedoch übersehen, dass Gesundheitssysteme eine zentrale Rolle in der Reproduktion und Reduktion von Ungleichheiten im weiteren Krankheitsverlauf spielen. Dies ist von besonderer Relevanz für Menschen mit chronischen Krankheiten. Während viele Studien Ungleichheiten im Zugang und der Inanspruchnahme gesundheitlicher Leistungen dokumentieren, fehlen empirische Studien, die untersuchen ob diese ungleiche Nutzung des Gesundheitssystems tatsächlich auch Unterschiede im Gesundheitszustand kausal erklären kann. Dieses Projekt untersucht daher den Zusammenhang zwischen Gesundheitssystemen und gesundheitlicher Ungleichheit unter der Annahme, dass unterschiedliche Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen Ungleichheit im Krankheitsverlauf chronisch kranker Menschen beeinflusst. Dabei wird ein theoretisches Modell entwickelt, welches verschiedene Mechanismen aufzeigt, durch die medizinische Leistungen gesundheitliche Ungleichheit beeinflusst. Zur empirischen Überprüfung des Modells wird eine Triangulation unterschiedlicher Forschungsmethoden eingesetzt: (1) vergleichende Analyse internationaler Umfragedaten auf Querschnittsbasis, (2) Länderstudien auf der Basis von Paneldatensätzen, (3) qualitative Interviews.
Eine vergleichende Analyse der Gesundheit der Bevölkerung in 21 OECD-Ländern zeigte, dass die unterschiedlichen Gesundheitssysteme ein wesentlicher Faktor für internationale Ungleichheit im Gesundheitsbereich sind. Der nächste Schritt des Projektes konzentriert sich auf die Untersuchung der Wirkung des Gesundheitswesens auf soziale Ungleichheiten. Als 2012-2013 Harkness Fellow in Gesundheitspolitik und Praxis an der Harvard School of Public Health, führt Nadine Reibling eine Analyse über die Wirkung medizinischer Grundversorgung für Ungleichheit in der Nutzung des Gesundheitsversorgung und der Gesundheit mithilfe des Medical Expenditure Panel Survey (MEPS) für die USA und des Survey of Health, Ageing, and Retirement (SHARE) für die europäischen Länder.
