Die Ursprünge bürokratischer Organisation: Eine vergleichende Studie politischer Karrieren und der Reproduktion von Eliten

Fragestellung/Ziel: 

Wo liegt der Ursprung bürokratischer Organisationen? Bürokratien umgeben uns in allen Lebensbereichen. Ihre Verwaltungslogiken prägen die öffentliche Administration, das Handeln von Unternehmen in der Wirtschaft, politische Parteien sowie auch das religiöse Leben. Kurz gesagt bleiben Bürokratien der dominante Organisationsmodus in modernen Gesellschaften. Trotz ihrer dominanten Rolle entstehen Bürokratien selten als voll ausgeformte Gebilde, ebenso wenig wie die zugrundeliegenden rationalisierten Regel- und Rollensysteme. Was die Bürokratien am Leben erhält/funktionieren lässt, sind die Menschen, die ihre berufliche Karrieren innerhalb dieser Bürokratien verfolgen. Wenn diese Karrieren das Lebenselixier formaler Organisationen sind, ist ein Verständnis der Natur und Entwicklung der Karrieren notwendig, um den Ursprung einer bürokratischen Organisation zu verstehen.

Dieses Projekt nutzt Karrieren gewählter Abgeordneter und Amtsträger als Fallbeispiel zur Untersuchung der Verbindung zwischen individuellem Handeln und Organisationsformen. Im Normallfall prägen Parteien und Politiker legislative Prozesse durch ihre Ämter. Historisch gesehen sind Ämter oftmals mit persönlicher Loyalität verbunden, wobei informelle „Patronage“-Netzwerke sowohl die Auswahl von Personen in bestimmte Positionen als auch die politische Zukunft dieser Personen bestimmen. Wenn politische Systeme zu formalen Organisationen werden, fordern sie die Mechanismen der informellen Selektion heraus, indem sie anstreben, Berufskarrieren unabhängig von persönlichen Verbindungen zu etablieren. Dieses Projekt identifiziert die Mechanismen, welche die Entwicklung von der Dominanz informeller Netzwerke hin zu einer  Professionalisierung der Politikerkarrieren ermöglichen, behindern oder gar umkehren können.

Dies geschieht anhand dreier empirischer Fallbeispiele, in welchen Systeme nach institutionellen Brüchen neu zu formen oder umzuformen waren: (West-)Deutschland (1949 bis heute), das Frankreich der Fünften Republik (1958 bis heute) und der amerikanische Bundesstaat Vermont – das erste Unionsmitglied, das nicht eine ehemalige Kolonie war.

Arbeitsstand: 

Wir haben weitere Aspekte dieses Projekts in den letzten Monaten entwickelt bzw. ausgeweitet. Wie zuletzt berichtet, haben wir bereits eine Stichprobe von Politikern aus allen im Bundestag vertretenen Parteien und allen Legislaturperioden gezogen und diese mit Daten zu den Karriereschritten dieser Politiker verbunden. Unsere bisherige Stichprobe haben wir nun erheblich in ihrem Umfang erweitert, um ein umfassenderes und vor allem systematischeres Verständnis der Unterschiede in den Karriereverläufen von Berufspolitikern, auch mit Blick auf ihre unterschiedliche Parteizugehörigkeit, zu gewinnen. Zudem untersuchen wir, inwieweit das Einbringen von Gesetzesvorhaben zur Verfolgung erfolgreicher Bundestagskarrieren beiträgt. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf dem Verhältnis zwischen formalen Vorgehensweisen und informellen Abläufen innerhalb der Fraktionen. Wir stützen uns in der Analyse auf einen nun ebenfalls erweiterten Datensatz zu Gesetzesentwürfen und ihrer Historie im Gesetzgebungsprozess.

Fact sheet

Finanzierung: 
MZES
Laufzeit: 
2017 bis 2021
Status: 
in Vorbereitung
Datenart: 
Längsschnittdaten zu Karriereverläufen aus administrativen Quellen und Archiven
Geographischer Raum: 
Europa (Frankreich, Deutschland); Nordamerika (Vereinigte Staaten)

Veröffentlichungen