Räumliche Modelle der Parteienkonkurrenz angewandt auf Bundestagswahlen

Fragestellung/Ziel: 

Ziel des Projekts ist die Konstruktion von gemeinsamen Politikräumen für Wähler und Parteien bei deutschen Bundestagswahlen, um aus der so dargestellten Nachfrage der Wähler im Vergleich zum Parteiangebot Bedingungen für die Entwicklung des deutschen Parteiensystems abzuleiten.
Die Politikräume werden auf Basis der Wählerwahrnehmungen der Parteipositionen sowie der Wählerpräferenzen bzw. Selbsteinstufung bei aktuellen Sachpoltiken (issues) und auf der Links-Rechts-Skala gebildet. Ein solcher Politikraum hat Relevanz für die Wähler, wenn man mit Hilfe der Distanzen zwischen Idealpunkt und Parteipositionen die Wahlentscheidung voraussagen kann. Er hat Relevanz für die Parteien, wenn in der Wählerschaft Konsens über eine realitätsgerechte Parteiplatzierung in diesem Raum besteht, was den Parteien erst die Möglichkeit einer sinnvollen Kommunikation mit der Wählerschaft eröffnet. Diese doppelte Relevanz kann durch ein Skalierungsverfahren von Aldrich und McKelvey hergestellt werden. Dessen Schwächen bei der Bestimmung der Streuung der Wahrnehmungen um die Erwartungswerte sollen mit Hilfe Bayesianischer Verfahren behoben werden (Bräuninger und Giger 2011).
Die Untersuchung wertet Bundestagswahlstudien im Zeitraum von 1980 bis 2009 aus. Voruntersuchungen zeigen (Pappi, im Druck), dass die Links-Rechts-Einstufungen der Parteien relativ stabil über die Zeit sind; strategischen Bewegungsspielraum haben die Parteien hingegen bei neuen Sachfragen, die allerdings den Eintritt neuer Parteien mit einer "issue ownership" für ein dringendes Problem in das Parteiensystem wahrscheinlicher machen.
Zu den Bedingungen des Parteiensystemsauf der Angebotsseite der Parteien gehören damit sowohl sachpolitische Politikangebote als auch Valenz- oder Kompetenzunterschiede zwischen den Parteien. Für die einzelnen Bundestagswahlen werden deshalb die zu erwartenden Parteipositionierungen der Bundestagsparteien nach dem Valenzmodell von Schofield als lokale Nash-Gleichgewichte vorausgesagt und mit den tatsächlich eingenommenen Positionen verglichen. In einem weiteren Schritt wird das Gleichgewichtsmodell benutzt, um die Dynamik des Parteienwettbewerbs im Zeitverlauf in den Blick zu nehmen. Das Ziel ist hier, die Repositionierungen der Parteien im Längsschnitt als dynamische Gleichgewichte zu verstehen, um somit die Entwicklung des deutschen Parteiensystems aus der Wählernachfrage und dem Angebot der Parteien an Sachpolitik und Kompetenz erklären zu können.

Arbeitsstand: 

Im ersten Jahr der DFG-Finanzierung haben wir ein räumliches Basismodell zur Analyse des Parteienwettbewerbs bei Bundestagswahlen entwickelt, das im Journal of  Theoretical Politics veröffentlicht wird: „Combining ideological and policy distances with valence for a model of party competition in Germany 2009”. Darauf aufbauend haben wir Übereinstimmung und Abweichungen der Gleichgewichtsdynamiken zwischen den Wahlfunktionen von Erst- und Zweitstimme des deutschen gemischten Wahlsystems untersucht (Konferenzpapier für die MPSA Tagung 2015 in Chicago), den Einfluss der Valenzwerte der Parteien und der Wahlkreiskandidaten auf Erst- und Zweitstimme in zwei Wahlkreisen analysiert, für die Wahltagsbefragungen durchgeführt wurden (Zeitschrift für Parlamentsfragen, im Druck), und mögliche Kontaminationseffekte von der Erst- auf die  Zweitstimme am Beispiel der AfD 2013 bestimmt, die nicht in allen Wahlkreisen Direktkandidaten aufgestellt hatte.

Fact sheet

Finanzierung: 
DFG
Laufzeit: 
2012 bis 2016
Status: 
ongoing
Datenart: 
Deutsche Bundestagswahlstudien seit 1980
Geographischer Raum: 
Deutschland

Veröffentlichungen