Die Ministeriumsverteilung in den deutschen Landesregierungen seit dem Zweiten Weltkrieg | Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung

Franz Urban Pappi, Ralf Schmitt, Eric Linhart
Die Ministeriumsverteilung in den deutschen Landesregierungen seit dem Zweiten Weltkrieg

Zeitschrift für Parlamentsfragen, 2008: Heft 2, S. 269-288
ISSN: 0340-1758

Koalitionsparteien unterscheiden sich in ihren Interessen an bestimmten Ministerien. In parlamentarischen Systemen ist ein Minister ein wichtiger Agenda Setter für das Politikfeld, für das er oder sie Verantwortung trägt und in dem er oder sie für die traditionellen Politikschwerpunkte seiner Partei, ein einschlägiges Ministerium vorausgesetzt, viel erreichen kann. Wir klassifizieren die Geschäftsbereiche der deutschen Landesregierungen seit dem zweiten Weltkrieg danach, wie sie schwerpunktmäßig in denselben Ministerien zusammenfasst waren. Auf diese Weise lässt sich vergleichend feststellen, welche Parteien in welchen Koalitionen welche Politikfelder kontrollierten. So stellte z.B. die CDU in den Koalitionsregierungen, an denen sie beteiligt war, überproportional häufig den Kultusminister, während die SPD für Arbeit und Soziales Verantwortung trug, was niemand überrascht, aber auch für Inneres. Letzteres ist weniger selbstverständlich, wenn man bedenkt, dass die CDU, zumindest seit 1990, dieses Politikfeld in ihren Wahlprogrammen mehr hervorhebt als andere Parteien. Wir diskutieren die Implikationen dieser Befunde für Koalitionstheorien, die diesem qualitativen Aspekt der Ministeriumsverteilung bisher wenig Aufmerksamkeit schenkten, und formulieren entsprechende Anforderungen an die Theoriebildung.

Ergänzungstabelle und Schaubild 1

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Coalition parties differ in their interests in particular portfolios. A minister in a parliamentary system is an important agenda setter in the policy domain for which she is responsible and a party’s ideology, clientele or history induces domain specific interest profiles. We classify ministerial jurisdictions domains according to their representation in the same ministries for all German state governments since WW II and can show which parties controlled which domains above or below average in which coalitions. Thus in coalition governments in which the CDU participates the education ministry is overwhelmingly hold by this party whereas a SPD minister is typically responsible for labour and social policy, as everybody would assume, but also for the ministry of the interior. The latter fact is less evident when one takes into account that at least since 1990 the CDU highlights this policy domain in its party manifestos more than other parties. We discuss the implications of our findings for coalition theories which underemphasized until now these domain specific interest profiles of parties. We conclude by formulating requirements for coalition theories which incorporate this qualitative aspect of portfolio distributions.