Die proportionale Ministerienaufteilung in deutschen Koalitionsregierungen: akzeptierte Norm oder das Ausnutzen strategischer Vorteile? | Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung

Eric Linhart, Franz Urban Pappi, Ralf Schmitt
Die proportionale Ministerienaufteilung in deutschen Koalitionsregierungen: akzeptierte Norm oder das Ausnutzen strategischer Vorteile?

Politische Vierteljahresschrift, 2008: 49, Heft 1, S. 46-67
ISSN: 0032-3470

In diesem Aufsatz überprüfen wir die Gamson-Regel für alle deutschen Koalitionsregierungen auf Bundes- und Länderebene und stellen deren generelle Gültigkeit fest. Bei der Frage nach den Ursachen der Performanz der Gamson-Regel kommen wir zu dem Schluss, dass es nicht die aus einer höheren Sitzanzahl resultierende größere Verhandlungsmacht der Parteien ist, die den höheren Ämteranteil erklären kann. Vielmehr stärken unsere Ergebnisse die Hypothese, dass sich die Gamson-Regel als kooperative Norm über die Zeit hinweg etabliert hat. Abweichungen von der proportionalen Ämteraufteilung lassen sich insgesamt zugunsten kleinerer und zulasten größerer Parteien beobachten, wobei sich die Deduktion dieser Beobachtung auf einzelne Parteien als falsch erweist: Es gibt einzelne kleine Parteien, etwa Bündnis 90/Die Grünen oder die PDS, die trotz relativ geringer Größe im Durchschnitt nur unterproportional mit Ämtern bedacht werden. Ferner lassen sich Auswirkungen weiterer Variablen feststellen, wie z. B. der Größe des Parteiensystems oder der Anzahl der in einer Koalitionsregierung vertretenen Parteien.

In this article, we verify Gamson’s Law for a data set including German coalition governments on federal and Länder level. We further tackle the question how to explain this regularity. Here, we conclude that it is not the bargaining power of parties resulting from seat distribution that could be able to explain Gamson’s Law. In fact, we identify Gamson’s Law as a behavioural norm which evolved over time in Germany. We finally confirm the conjecture that on average, smaller parties profit from deviations from Gamson’s Law, while larger parties’ pay-outs are worse. However, there is also a strong party bias which is able to invert this effect for single parties as e. g. the Greens or the Party of Democratic Socialism. Further variables like the size of the party system or the number of parties which form a coalition government are also able to explain in which cases Gamson’ Law works above or below average.