Ökonomische Unsicherheit und Fertilität. Die Wirkung von Beschäftigungsunsicherheit und Arbeitslosigkeit auf die Familiengründung in Ost- und Westdeutschland | Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung

Michael Gebel, Johannes Giesecke
Ökonomische Unsicherheit und Fertilität. Die Wirkung von Beschäftigungsunsicherheit und Arbeitslosigkeit auf die Familiengründung in Ost- und Westdeutschland

Zeitschrift für Soziologie, 2009: 38, Heft 5, S. 399-417
ISSN: 0340-1804

Vor dem Hintergrund der jüngsten, teils kontroversen wissenschaftlichen Debatte zur Auswirkung ökonomischer Unsicherheit auf die Familiengründung, analysieren wir in diesem Beitrag die Fertilitätskonsequenzen der zwei wohl wichtigsten Indikatoren ökonomischer Unsicherheit, befristete Beschäftigungsverhältnisse und Arbeitslosigkeit, in Ost- und Westdeutschland. Basierend auf Daten des Sozioökonomischen Panels (SOEP) der Jahre 1995-2007 können wir weder für ost- noch für westdeutsche Frauen nachweisen, dass befristete Arbeitsverhältnisse zu einem Aufschub der ersten Mutterschaft führen. Ebenfalls lassen sich keine Wirkungsunterschiede befristeter Beschäftigung nach individuellem Bildungsniveau, dem Qualifikationslevel der beruflichen Position oder dem Wirtschaftssektor feststellen. Phasen von Arbeitslosigkeit hingegen führen sowohl in Ost- als auch in Westdeutschland zu einer Verschiebung der ersten Geburt. Allerdings unterscheiden sich die Fertilitätsmuster zwischen Ost- und Westdeutschland dahingehend, dass in Westdeutschland Familiengründungen häufig dann verschoben werden, wenn der männliche Partner von Arbeitslosigkeit betroffen ist, während der Prozess der Familiengründung in Ostdeutschland weniger von der Erwerbssituation des männlichen Partners als vielmehr von der Arbeitsmarktlage der Frau betroffen zu sein scheint.

Against the background of recent scientific discussions about the impact of economic insecurity on family formation, we analyse the fertility consequences of two very important indicators of economic insecurity, fixed-term contracts and unemployment, in East and West Germany. Based on data from the German Socio-economic Panel 1995-2007 our results show that for women fixed-term contracts do not lead to fertility postponements. Also, the effects of fixed-term contracts do not differ across educational levels, qualification levels of the occupational position or industries. In contrast to these results, periods of unemployment seem to increase the risk of fertility postponements, both in East and in West Germany. However, these fertility patterns turn out to be rather different between East and West Germany: While in West Germany family formation is especially postponed if the male partner is unemployed, the process of family formation in East Germany is particularly influenced by the employment situation of the woman and not so much by that of her partner.