Die Politikpräferenzen der Wähler und die Wahrnehmung von Parteipositionen als Bedingungen für den Parteienwettbewerb um Wählerstimmen | Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung

Franz Urban Pappi, Anna-Sophie Kurella, Thomas Bräuninger
Die Politikpräferenzen der Wähler und die Wahrnehmung von Parteipositionen als Bedingungen für den Parteienwettbewerb um Wählerstimmen

Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung: Arbeitspapiere; 162
30 p.
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Mannheim
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MZES
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2016
ISSN: 1437-8574

Der Grad der Übereinstimmung zwischen den Politikangeboten der Parteien und der Politiknachfrage der Wählerinnen und Wähler bietet den Wählern Kriterien für die Wahlentscheidung und den Parteien Anhaltspunkte für ihren Wettbewerb um Wählerstimmen. Diese Übereinstimmung wird in der empirischen Wählerforschung mit ideologischen Skalen wie Links-Rechts oder mit Policy-Skalen zu wichtigen Themen der politischen Auseinandersetzung gemessen. Wenn Befragte über die Positionen der einzelnen Parteien auf den vorgegebenen Skalen urteilen und Angaben über ihren eigenen Standpunkt machen, besteht die Gefahr von Urteilsverzerrungen. Befragte neigen dazu, die Position von Parteien, die sie wertschätzen, näher an sich heranzurücken (Assimilationseffekt) und die Distanz zu den anderen Parteien zu überschätzen (Kontrasteffekt). Parteien benötigen für ihre Planung aber Positionsschätzungen, über die in der Wählerschaft große Urteilskonkordanz besteht. Die Mittelwerte sind als Positionsschätzer ungeeignet, da sie von gleichem Skalengebrauch der Befragten ohne Berücksichtigung des differential item functioning ausgehen. Wir wenden ein bayesianisches faktoranalytisches Messverfahren an, das aus den Befragtenangaben zu den Parteipositionen „wahre“ Positionen berechnet, die für die Befragten als „gleich wahrgenommen“ interpretiert werden. Wir demonstrieren das Verfahren mit den im Vorwahlquerschnitt der GLES abgefragten Skalen: Links-Rechts, sozialstaatliche Leistungen versus Steuern/Abgaben, Einwanderungspolitik und Klimaschutz. Die ursprünglichen Skalenangaben werden unter Annahme eines linearen Zusammenhangs in die „wahren“ Parteiwerte umgerechnet und die eigene Einstellung der Befragten wird mit den bei der Parteienwahrnehmung gewonnenen Koeffizienten an die gemeinsame Parteiskala angepasst. Die Häufigkeitsverteilungen der auf diese Weise erhaltenen Wähleridealpunkte fassen zusammen mit den entsprechenden Parteiwerten die zentralen Informationen zur Charakterisierung und Anwendung räumlicher Modelle des Parteienwettbewerbs zusammen (vgl. Abbildung 4).

Agreement between policy supply by parties and policy demand by voters offers the electorate criteria for voting and provides parties with an informative basis for campaigning. Survey researchers measure such agreement on ideological scales like left-right or policy scales that address presumably important issues. When respondents deliver judgments about party positions on scales presented to them and when they report their own attitude on these scales, perceptual biases are frequent. Respondents often underestimate the distance to parties they like (assimilation effect) while they tend to overestimate the distance to parties they dislike (contrast effect). Parties, however, depend on unbiased positional information about which voters agree. Simply computing party means on these scales is unsatisfactory since differential item functioning is not taken into account. We apply a Bayesian implementation of the Aldrich-McKelvey factor analytic scaling procedure to derive “true” but latent party positions from respondents’ answers. These positions are “true” in the sense that respondents possess a common understanding of the rescaled positions. We demonstrate the procedure by analyzing the left-right scale and three policy scales concerning the trade-off between welfare payments and taxes, immigration policy and climate change policy which were asked in the pre-election survey of the 2013 German Longitudinal Election Study. Assuming a linear relation between original answers and rescaled party scores we get regression coefficients for party perceptions which allow us also a rescaling of respondents’ original self-placements. By this means we get frequency distributions of respondents’ own rescaled policy demands together with commonly perceived policy offers of parties as the central information for spatial models of party competition.