Konformitätsdruck, Selbstzensur und Verschleierung diskriminierender Einstellungen im Behördenalltag

Fragestellung/Ziel: 

Eine zentrale Herausforderung sowohl in der empirischen Erforschung als auch der praktischen Bekämpfung von ethnischer und rassistischer Diskriminierung liegt im Problem der sozialen Erwünschtheit. Dies stellt zunächst ein methodisches Problem dar: Da es die normative Erwartung gibt, nicht zu diskriminieren und sich nicht rassistisch zu äußern, haben Befragte starke Anreize sich normkonform zu verhalten, sich selbst zu zensieren und etwaige diskriminierende Einstellungen zu verschleiern. Herkömmliche umfragebasierte Instrumente riskieren damit, das tatsächliche Ausmaß von diskriminierenden Einstellungen im Behördenalltag zu unterschätzen und nur verzerrt wiederzugeben. Konformitätsdruck, Selbstzensur und die Verschleierung diskriminierender Einstellungen in Behörden sind aber auch ein wichtiges inhaltliches Problem, weil dadurch unerwünschte soziale Zustände (z.B. ethnische Diskriminierung) verstetigt, notwendiges Wissen über kritische Sachverhalte (z.B. Schwierigkeiten mit bestimmten Bevölkerungsgruppen) verzerrt und nicht-intendierte Probleme (z.B. in der Wirksamkeit anti-diskriminierender Maßnahmen) erzeugt werden.

Ziel des Projektes ist es, neue experimentelle Evidenz über Art und Ausmaß von Konformitätsdruck, Selbstzensur und der Verschleierung diskriminierender Einstellungen in öffentlichen Behörden mit Publikumsverkehr zu liefern und diese mit Verweis auf spezifische Behördenstrukturen und -kulturen zu erklären. Zwei zentrale Fragen stehen dabei im Vordergrund des analytischen Interesses: (1) Inwieweit sehen sich Behördenmitarbeiter sozialem Druck dahingehend ausgesetzt (etwa durch Kollegen oder Vorgesetzte), zu bestehenden Missständen wie diskriminierenden oder rassistischen Behördenpraktiken zu schweigen? Welche Behördenmitarbeiter sind davon am stärksten betroffen und um welche konkreten Missstände handelt es sich dabei?  (2) Inwieweit trägt umgekehrt eine verbreitete Behördenkultur der Antidiskriminierung dazu bei, dass Behördenmitarbeitern, aus Furcht, als “rassistisch” bezeichnet zu werden, sich nicht zu tatsächlich bestehenden Herausforderungen im multikulturellen Behördenalltag äußern? Welche Gruppen von Behördenmitarbeitern sind davon am stärksten betroffen und welche konkreten Probleme kommen dadurch nicht zur Sprache?

Arbeitsstand: 

Dieses Projekt hat gerade die Finanzierung erhalten und befindet sich in der Frühphase. Zu den aktuellen Schritten gehören die Rekrutierung eines/einer geeigneten Doktoranden/Doktorandin und die Koordination mit den anderen Projektpartnern. Die nächsten Schritte umfassen die Konzeption von Listenexperimenten zu diskriminierenden Einstellungen und Organisationspraktiken in ausgewählten Behörden.

Fact sheet

Finanzierung: 
BMI
Laufzeit: 
2021 bis 2023
Status: 
laufend
Datenart: 
Surveydaten, experimentelle Evidenz
Geographischer Raum: 
Deutschland

Veröffentlichungen