Konstantin Gavras, Matthias Mader, Tom Scotto, Stephanie Hoffmann, Jason Reifler, Catarina Thomson, Harald Schoen
Neue Bedrohungen, neue Sicherheitsarchitektur? Individuelle Bedrohungswahrnehmungen und Einstellungen zur internationalen Sicherheitsarchitektur in Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Italien

Jahrestagung des DVPW-Arbeitskreises „Wahlen und politische Einstellungen“, (virtual conference), November 12th to November 13th, 2020

Mit dem Brexit beginnt in Europa auch im Bereich der Sicherheitspolitik ein neues Kapitel. Der Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union fällt in eine Zeit, in der die NATO als zentrale Sicherheitsorganisation Europas von vielen Politikern und Experten ein Stück weit in Frage gestellt wird. Dies liegt nicht nur an der jüngsten Abkühlung des transatlantischen Verhältnisses, sondern auch an neuen Bedrohungen, die seit Ende des kalten Krieges an Bedeutung gewonnen haben. So gelten beispielsweise asymmetrische Bedrohungen wie der internationale Terrorismus, globale Bedrohungen wie der Klimawandel sowie wirtschaftliche Bedrohungen durch den Aufstieg neuer politischer Akteure und mächtiger multinationaler Unternehmen heute als mindestens ebenso wichtig wie die Gefahr traditioneller zwischenstaatlicher Konflikte. Vor diesem Hintergrund untersuchen wir, wie die Bevölkerungen der großen europäischen Länder die beiden großen sicherheitspolitischen Alternativen bewerten—die NATO und eine gemeinsame Sicherheitspolitik im Rahmen der Europäischen Union. Wir erwarten, dass hierbei neben grundlegenden Haltungen zu den Vereinigten Staaten von Amerika und dem europäischen Integrationsprozess auch spezifische Muster wahrgenommener Bedrohungen eine Rolle spielen. Als traditionelles Verteidigungsbündnis dürfte die NATO vor allem von Bürgern präferiert werden, die nach wie vor traditionelle zwischenstaatlicher Konflikte als zentrale sicherheitspolitische Herausforderung begreifen. Personen, die zusätzlich oder vor allem die neuen Bedrohungen als wichtig erachten, bevorzugen möglicherweise die Lösung im Rahmen der EU, weil es sich hierbei um die umfassendere und damit effektivere Organisation handelt, um diesen Herausforderungen zu begegnen. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei dem Vergleich der Bevölkerungen Kontinentaleuropas und Großbritanniens. Für die Briten dürften Überlegungen auf Grundlage der Bedrohungswahrnehmungen durch ihre Haltungen zum Brexit—oder der EU im Allgemeinen—überlagert sein. Die empirische Analyse basiert auf Daten einer vergleichenden Umfrage, die im August 2019 in Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Italien durchgeführt wurde. Wir nutzen latente Klassenanalysen, um die Muster der Bedrohungswahrnehmungen auf der einen und Einstellungskonstellationen zur Sicherheitsarchitektur auf der anderen Seite zu identifizieren. Multiple Regressionsanalysen werden eingesetzt, um die Beziehung zwischen diesen und anderen relevanten Variablen zu untersuchen.