Franz Urban Pappi, Susumu Shikano
Die politisierte Sozialstruktur als mittelfristig stabile Basis einer deutschen Normalwahl

Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 2002: 54, issue 3, p. 444-475

Eine Normalwahl ist ein hypothetisches Wahlergebnis, das sich einstellen würde, wenn sich nur die lang- oder mittelfristige Voreinstellung der Wähler zu den Parteien auf das Wahlergebnis auswirken würde. Von den Kurzfrist-Einflüssen wie besonders attraktiven Kandidaten oder aktuellen Sachfragen soll abstrahiert werden. Als Messmodell für deutsche Bundestagswahlen wird die durchschnittliche Wahlabsicht von Bevölkerungsgruppen vorgeschlagen, die Teil der deutschen politisierten Sozialstruktur sind, d.h. von Gruppen wie den Katholiken oder katholischen Kirchgängern oder von Arbeitnehmern und Gewerkschaftsmitgliedern, die ein dauerhaftes Bündnis mit einer politischen Partei eingegangen sind. Dieses Messmodell wird mit dem ursprünglich für die USA entwickelten Modell verglichen, wonach der Langfristfaktor durch die Parteiidentifikation erfasst wird. Anwendungsbeispiel sind alle Bundestagswahlen der Ära Kohl, für die jeweils die unmittelbar vorher erhobenen Politbarometer der Forschungsgruppe Wahlen, Mannheim, als Datenbasis dienen. Die aus der politisierten Sozialstruktur folgenden Wahlabsichten werden als mittelfristig stabile Basis einer deutschen Normalwahl nachgewiesen, sodass Normalwahlergebnisse von 1983 bis 1998 berechnet werden können.

A normal vote is a hypothetical election result following exclusively from predispositions of voters towards political parties which result from long-term or middle-term influences. The influence of short-term factors like attractive candidates or issues from the recent campaign have to be eliminated within the abstract model. As an operationalization for German Bundestag elections for this purpose the average vote intentions of population groups are used which are part of the politicized German social structures such as catholics, especially when they attend church frequently, or employees (Arbeitnehmer) and union members who have formed enduring coalitions with a political party. This operationalization is compared with a model originally developed for the United States. According to this model, the long-term factor is measured by party identification. All Bundestag elections of the Kohl era are analyzed, for which the Politbarometer surveys of the Forschungsgruppe Wahlen, Mannheim, immediately before the Bundestag elections are used as a data basis. The vote intentions which can be derived from the politicized social structure are shown to be a stabile basis for a German normal vote so that it makes sense to compute normal vote results from 1983 to 1998.