The emerging trend of work beyond retirement age in Germany – Increasing social inequality? | Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung

Dirk Hofäcker, Elias Naumann
The emerging trend of work beyond retirement age in Germany – Increasing social inequality?

Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie, 2015: 48, issue 5, pp. 473-479
ISSN: 0948-6704 (print); 1435-1269 (online)

Background
Population ageing, demographic change and the financial crisis has put the financial sustainability of the German pension system at risk. In reaction to these challenges, Germany recently abandoned generous early retirement policies and moved towards policies encouraging higher employment among the elderly.
Objectives
In this article we evaluate how these labour market and pension policies affected the retirement decisions of older workers in Germany over the last three decades. Complementing previous research on early retirement, we focus in particular on those working past the mandatory retirement age of 65 years and examine whether the composition of this group of postretirement-age workers has changed over time.
Data and methods
We analyse pooled cross-sectional data from three rounds of the German Ageing Survey which allow us to cover the last three decades from 1980 to 2008. Estimating multinomial logit models we distinguish explanatory factors on the individual, organizational and institutional level that frame the decision to leave the labour market before the age of 65, to stop working at 65 or to work past 65.
Results
Over the last three decades, the share of German workers leaving the labour market after the mandatory retirement age of 65 has increased markedly. This trend towards working longer has changed particularly among the low educated workforce which in previous decades traditionally has exhibited a tendency to retire early. In contrast to high-skilled workers, the decision to work longer among low-educated workers is mainly driven by financial need (and is usually not in line with their desire or their ability to work for longer).
Conclusion
Our findings suggest an increase in social inequality in retirement decisions as a result of the policy shift towards activation. We conclude by arguing for a more fine-grained understanding of the reasons why people work longer. Such research would provide valuable insights into how to design future labour market and pension reforms preventing a rise in social inequalities.

Hintergrund
Die immer älter werdende Gesellschaft, der demografische Wandel und die gegenwärtige Finanzkrise stellen die Finanzierbarkeit des deutschen Rentensystems vor neue Herausforderungen. Als Antwort auf diese Herausforderungen hat die deutsche Arbeitsmarktpolitik in den vergangenen Jahren attraktive Frühverrentungsmöglichkeiten zunehmend eingeschränkt und Reformen eingeleitet, um die Beschäftigung älterer Menschen zu verlängern (Politik des aktiven Alterns).
Fragestellung
In diesem Artikel untersuchen wir, wie diese veränderte Arbeitsmarkt- und Rentenpolitik die Renteneintrittsentscheidung von Arbeitnehmern in Deutschland beeinflusst. In Abgrenzung zu existierender Forschung, die sich bislang weitestgehend auf Frühverrentungsentscheidungen konzentrierte, fokussieren wir uns in diesem Artikel insbesondere auf Personen, die über das offizielle Rentenalter von 65 Jahren hinaus arbeiten. Neben der absoluten Häufigkeit von Arbeit über das Ruhestandsalter hinaus untersuchen wir dabei die Frage, ob sich die soziale Zusammensetzung dieser Gruppe in den letzten drei Jahrzehnten verändert hat.
Daten und Methoden
Die Datengrundlage unserer Analysen bilden die ersten drei Wellen des Deutschen Alterssurveys (DEAS), die uns ermöglichen, Ruhestandsentscheidungen und deren Motive über einen Zeitraum von 1980 bis 2008 zu rekonstruieren. Anhand multinomialer logistischer Regressionen unterscheiden wir zwischen individuellen, organisatorischen und institutionellen Einflussfaktoren auf die Entscheidung, den Arbeitsmarkt vorzeitig, zum regulären Ruhestandsalter oder nach dem regulären Ruhestandsalter zu verlassen.
Ergebnisse
Im Verlauf der letzten drei Jahrzehnte hat der Anteil der Arbeitnehmer, der den Arbeitsmarkt erst nach dem offiziellen Rentenalter von 65 Jahren verlässt, stark zugenommen. Diese Neigung länger erwerbstätig zu sein, findet sich zunehmend häufiger bei Arbeitnehmern mit niedriger Bildung, die in der Vergangenheit auf finanziell attraktive Frühverrentungsmöglichkeiten zurückgreifen konnten, jedoch zunehmend aus finanziellen Gründen weiterarbeiten müssen. Dieser zunehmende Druck zur Verlängerung der Erwerbskarriere entspricht jedoch meist weder dem Wunsch der niedrig gebildeten Arbeitnehmer noch ihren Möglichkeiten länger zu arbeiten.
Schlussfolgerung
Unsere Ergebnisse legen nahe, dass die gegenwärtig verfolgte Politik des aktiven Alterns zu einer Zunahme von sozialen Ungleichheiten bei den Renteneintrittsentscheidungen geführt hat. Um zukünftige Arbeitsmarkt- und Rentenreformen nachhaltig so zu gestalten, dass sie soziale Ungleichheiten nicht weiter verstärken, sollte zukünftige Forschung detaillierter die bislang noch sehr kursorisch erfassten Gründe erörtern, weshalb Arbeitnehmer über das offizielle Rentenalter von 65 Jahren hinaus arbeiten.