Schön und integriert? Eine Untersuchung zur Verbindung zwischen physischer Attraktivität und dem Integrationserfolg von Zuwanderern in Deutschland
Forschungsfrage/Ziel:
Das Projekt untersuchte die Ursachen und Auswirkungen von Wahrnehmungen physischer Attraktivität im Kontext der Integration von Migrant:innen. Physische Attraktivität ist ein wichtiger Faktor für Lebenschancen in vielen gesellschaftlichen Bereichen, da attraktive Personen im Durchschnitt vorteilhafter behandelt werden. Wahrnehmungen von Attraktivität sind jedoch sozial konstruiert und kulturell geprägt. Urteile über Attraktivität spiegeln daher bestehende gesellschaftliche Hierarchien wider und tragen zu ihrer Reproduktion bei. Vor diesem Hintergrund analysierte das Projekt, wie die wahrgenommene Attraktivität von Migrantinnen und Migranten ihre wirtschaftliche Integration beeinflusst und wie diese Wahrnehmungen durch ethnische, religiöse, geschlechtsspezifische und statusbezogene Merkmale geformt werden.
Zur Beantwortung dieser Fragen führte das Projektteam mehrere Survey-Experimente und ein groß angelegter Korrespondenztest auf dem deutschen Arbeitsmarkt durch. Dabei wurden sichtbare Merkmale wie ethnische Herkunft, Geschlecht, Religiosität (über das Tragen eines Kopftuchs) und beruflicher Status variiert, um deren Einfluss auf wahrgenommene Attraktivität und Vertrauenswürdigkeit von Personen sowie Gerechtigkeitseinschätzungen von Löhnen zu untersuchen.
Die Ergebnisse zeigen, dass Frauen türkischer Herkunft, die ein Kopftuch tragen, als weniger attraktiv wahrgenommen werden und dass Lohndefizite für verschleierte Frauen als eher akzeptabel angesehen werden als für unverschleierte Frauen, was auf einen anhaltenden Kopftuch-Malus für Muslime hinweist. Die Befragten maßen bei der Bewertung von Lohngerechtigkeit konsequent den Humankapitaleigenschaften größere Bedeutung bei als Attraktivität oder ethnischer Zugehörigkeit. Der Korrespondenztest zeigte allerdings, dass Hinweise auf einen Migrationshintergrund zur Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt führen können. Die Arbeitsmarktdiskriminierung folgt einem geschlechtsspezifischen Muster: Männer türkischer Herkunft und verschleierte Frauen türkischer Herkunft erfahren die stärksten Nachteile. Obwohl Attraktivität einen positiven Effekt auf die Löhne hat, ist ihre Wirkung uneinheitlich: In zwei unserer Studien zeigt sich auf dem deutschen Arbeitsmarkt ein Attraktivitäts-Bonus (Beauty Premium) sowohl für Männer als auch Frauen, und eine Multiverse-Analyse zeigt, dass dieser Effekt bei deutschstämmigen Angestellten robust, bei ethnischen Minderheiten jedoch uneinheitlich ist. Diese Befunde deuten darauf hin, dass Attraktivität innerhalb bestehender Hierarchien von Ethnie und Religion wirkt und zur sozialen Schichtung beiträgt, indem sie Ungleichheiten, die mit ethnischer und religiöser Minderheitenzugehörigkeit verbunden sind, zum Teil verstärkt, anstatt sie zu mindern.
Information: Ablauf der experimentellen Arbeiten im Projekt „Schön integriert? Die Wahrnehmung physischer Attraktivität und ihre Folgen für die Integration von Personen mit Migrationshintergrund“
Im Rahmen des DFG-Projekts wurde untersucht, welche Folgen die Wahrnehmungen der physischen Attraktivität im Kontext der Arbeitsmarktintegration von Personen mit Migrationshintergrund auf deren spätere Chancen bei einer Bewerbung auf einen regulären Arbeitsplatz haben. Dafür führte das Forschungsteam ein Bewerbungsexperiment durch. Das Vorgehen wurde von der Ethikkommission der Universität Mannheim geprüft. Alle persönlichen Informationen und Unternehmensangaben werden vor der Veröffentlichung gelöscht und es wird kein Rückschluss auf die einzelnen Firmen möglich sein. Die Verantwortung für die Durchführung liegt bei Dr. Johanna Gereke. Im Folgenden erläutern wir die einzelnen Schritte dieses Vorgehens.
Auswahl der Stellenausschreibungen
Wir haben Stellenausschreibungen der Internetplattform Jobsuche der Bundesagentur für Arbeit (https://www.arbeitsagentur.de/jobsuche/) genutzt, um Stellenanzeigen zu sammeln. Auf diese Stellenausschreibungen wurden dann fiktive Bewerbungen versendet. Dabei haben wir wöchentlich Stellenanzeigen recherchiert, codiert und Bewerbungen per E-Mail an diese Ausschreibungen adressiert. Die Stellenausschreibungen umfassten Online-Anzeigen, die im Zeitraum zwischen 25. September 2023 und 30. September 2024 veröffentlicht wurden. Die Bewerbungen wurden im Zeitraum vom 26. September 2023 und 1. Oktober 2024 verschickt. Die Rückmeldungen der Unternehmen auf die Bewerbungen wurden bis neun Wochen nach der letzten versendeten Bewerbung in den Ergebnisdatensatz mit aufgenommen.
Auswahlkriterien
Die Auswahl der Stellenanzeigen erfolgte mit bestimmten Filtern der Internetplattform der Bundesagentur für Arbeit sowie nach vordefinierten regionalen und zeitlichen Einschränkungen. Es wurden jeweils Stellenanzeigen für den Zeitraum von einer Woche recherchiert, die bei entsprechender Passung zu den Projektanforderungen identifiziert und codiert werden konnten. In den folgenden sechs Branchen wurden Stellenanzeigen gesucht: Fachverkäufer/in, Empfangskraft, Hauswart/in/Haustechniker/in, Sekretariat, Einkäufer/in, Vertriebsassistent/in, Fachinformatiker/in, und Industriekaufmann/frau. Hierfür wurde eine Whitelist mit synonymen Berufsbezeichnungen definiert. Auf der Seite der Jobsuche wurden die Suchergebnisse nach Relevanz sortiert und gemäß vordefinierten Kriterien codiert. Weitere projektspezifische Filterkriterien umfassten die Angabe einer Emailadresse und „gewünschte Bewerbungsart: per E-Mail“, da die Bewerbungen elektronisch versendet wurden. Außerdem überprüften wir, dass die Emailadresse und Emaildomain der rekrutierenden Unternehmen in unserem Datensatz nur einmal vorhanden waren, um Dopplungen und Mehrfachbewerbungen auf eine offene Stelle auszuschließen.
Aktueller Stand:
Im vergangenen Jahr haben wir die Datenerhebung fast abgeschlossen und die Feldarbeit für zwei faktorielle Erhebungen und drei Umfrageexperimente beendet. Auch die Datenerhebung für unseren Korrespondenztest ist annähernd abgeschlossen, und Anfang 2025 werden wir Zugang zu den Daten der DeZIM.panel-Umfrage über Körperpflegepraktiken erhalten. Ein aus dem Projekt hervorgegangenes Manuskript wurde bei Scientific Reports publiziert und ein weiteres Manuskript hat eine konditionale Annahme zur Veröffentlichung im Journal European Sociological Review. Zwei Manuskripte befinden sich im Begutachtungsverfahren, und wir bereiten derzeit mehrere weitere Manuskripte vor, die auf den Ergebnissen unserer neu erhobenen Daten basieren. Außerdem haben wir die vorläufigen Ergebnisse des Korrespondenztests auf mehreren internationalen Konferenzen vorgestellt.
Publikationen
Zeitschriftenartikel
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(2026): Religious markers reduce perceived trustworthiness in a Muslim-majority country. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America: PNAS, 123, 7, e2512131123, More
Präsentationen
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(2022): A “Beauty Premium” for Whom? The combined effects of ethnicity and attractiveness on trust. [4th Annual Conference on Experimental Sociology (ACES), Utrecht, 31/08/2022 - 02/09/2022]. More