Der Einfluss von Sozialstruktur, Diskriminierung und Gewalt auf Muslime in Deutschland

Fragestellung/Ziel: 

In Wissenschaft und Öffentlichkeit findet die Frage der Religiosität und religiöser Identitäten von Muslimen in Westeuropa zunehmende Aufmerksamkeit. Allerdings wissen wir trotz extensiver Forschung noch sehr wenig darüber, warum sich religiöse Traditionen in dieser Gruppe so wenig verändern. Eine dominante Erklärung lautet, dass muslimische Religiosität eine Reaktion auf Diskriminierungs- und Exklusionserfahrungen durch die Mehrheitsgesellschaften ist. Allerdings erfahren muslimische Individuen nicht nur häufig Alltagsdiskriminierung, sondern werden auch Opfer sehr viel massiverer und immer häufiger auftretenden Formen der Xenophobie: Gewalt- und Terrorakte, die willkürlich auf Muslime zielen. Gleichzeitig treibt radikal-islamistischer Terror die Eskalation an. Gefangen zwischen Terror von radikalisierten Teilen der muslimischen Bevölkerung und islamophoben Angriffen aus der Mehrheitsgesellschaft, geraten insbesondere säkulare Muslime von beiden Seiten unter Druck.

Erstaunlicherweise gibt es kaum Forschung zu der Frage wie diese doppelte Bedrohung auf Muslime in Deutschland wirkt. Dieses Projekt macht diese Forschungslücke zu seinem Ausgangspunkt: Wie verändert religiös motivierte Gewalt religiöse Identitäten? Wie beeinflussen Identität, Diskriminierung und Gewalt zivilgesellschaftliche und politische Beteiligung? Variieren die Reaktionen in Abhängigkeit von der sozialen Position eines Individuums? Prozesse sozialer Mobilität haben die Sozialstruktur der deutschen Gesellschaft nachhaltig beeinflusst. Dies gilt auch für die in Deutschland größte Gruppe der Muslime, türkischstämmige sogenannte „Gastarbeiter“ und ihre Nachfahren. Heute besetzen Muslime in Deutschland unterschiedlichste Positionen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Religion kreuzt sich daher mit anderen sozialen Dimensionen, die für die soziale Identität von Individuen potentiell relevant sind.

Basierend auf dem theoretischen Rahmen der Forschungsgruppe „Rekonfiguration und Internalisierung von Sozialstruktur“ (RISS), erweitern wir den Blick auf exogene Ereignisse (Islamistische bzw. anti-muslimische Gewalt) und untersuchen, wie solche Gewaltakte die Assoziation zwischen Sozialstruktur, Identität und Verhalten beeinflussen. Um diese Fragen zu beantworten, stützen wir uns auf die Befragung einer repräsentativen Stichprobe von Muslimen in Deutschland, die im Kontext des RISS Internationalization Surveys durchgeführt wird. Hinzukommt ein innovatives experimentelles Design (Conjoint Experiment), mit dem die relative Bedeutung von Religion im Kontext einer individuellen multidimensionalen sozialen Identität geschätzt werden kann. Dieses experimentelle Design wird auch genutzt, um zu analysieren, inwieweit soziale Identität sowie politische Präferenzen und Verhaltensabsichten mit Wahrnehmungen von Gewalt und Diskriminierung im Zusammenhang stehen.

Arbeitsstand: 

Dieses Projekt ist gerade angelaufen und hat erfolgreich einen Doktoranden rekrutiert. In den nächsten Schritten werden wir mehrere Umfrageexperimente designen, um die Reaktionen auf Diskriminierung und Gewalt zu erheben. Darüber hinaus werden wir ein Bayesianisches statistisches Modell entwickeln, um die religiöse Identität im deutschen Mikrozensus anhand von weiteren sekundären Umfragedaten zu imputieren.

Fact sheet

Finanzierung: 
DFG
Laufzeit: 
2021 bis 2025
Status: 
laufend
Datenart: 
Surveydaten, experimentelle Evidenz
Geographischer Raum: 
Deutschland

Veröffentlichungen